Einheit der Differenz

Die „Einheit der Differenz“ ist ein Begriff der Systemtheorie, des Konstruktivismus und der Differenztheorie und bezeichnet eine binäre (wiederum beobachtete) Beobachtungsdifferenz, ohne dass eine der beiden Seiten der Beobachtungsdifferenz markiert wird.

Die Beobachtung der „Einheit der Differenz“ setzt eine Beobachtung zweiter Ordnung voraus: Die Beobachtung der Differenz, mit deren Hilfe beobachtet wird.

Ein Beobachter zweiter Ordnung, der beobachtet, dass ein Beobachter erster Ordnung etwas als „böse“ beschreibt, kann den Beobachter erster Ordnung als „moralisch wertend“ beobachten und die Beobachtung erster Ordnung als eine Beobachtung beschreiben, die die Einheit der Differenz von Gut/Böse benutzt.

Die „Einheit der Differenz“ bezeichnet eine Sichtweise, die eine bestimmte Unterscheidung verwendet, ohne die jeweilige Bewertung im Einzelnen nachzuvollziehen.

Die „Einheit der Differenz“ fasst n i c h t, w a s und in welcher Weise im Einzelnen beobachtet wird, sondern w i e beobachtet wird und damit die F o r m d e r B e o b a c h t u n g , die Perspektive, mit deren Hilfe gesehen und sowohl Einsichten als auch Blindheiten organisiert werden. Da jede Beobachtung zweiter Ordnung auch eine Beobachtung erster Ordnung ist (in der ein Beobachter beobachtet wird), bedarf die Beobachtung der Einheit einer Differenz einer weiteren Beobachtungsdifferenz. Die Einheit der Differenz der eigenen Beobachtung kann im Vollzug nicht beobachtet werden. Die Einheit der Differenz stellt somit den Blinden Fleck der Beobachtung dar.

Die Form der Beobachtung ist das eingeschlossene ausgeschlossene Dritte jeder Unterscheidung. Eingeschlossen, weil ohne sie nicht beobachtet werden kann, ausgeschlossen, weil die Form der Beobachtung in der Beobachtung, die diese Form benutzt, nicht beobachtet werden kann.

Da Beobachtung auf Differenzen basiert, wird in der Systemtheorie und im Konstruktivismus nicht eine Differenz als eine Unterscheidung zwischen zwei an und für sich existierenden Einheiten (etwa Männer und Fraue oder Tiere und Menschen) gedacht, sondern umgekehrt, die Einheit wird als etwas gedacht, das durch die Unterscheidung von etwas anderem als Einheit konstruiert wird. Der Beobachtung wird damit eine konstruktiv-poetische Kraft unterstellt.

Systemtheorie und Konstruktivismus beginnen also immer mit der Differenz und der diese Differenz voraussetzenden Beobachtung und nicht mit der Identität, die auf die Unterscheidung zwischen sich selbst und etwas anderem (Umwelt) angewiesen ist. Identität ist damit nicht etwas, was auf einen Moment des Seins verweist (so wie es Religion, scholastischer Realismus, platonischer Idealismus und andere religiöse und ontologische Traditionen taten), sondern wird als Resultat einer Selbst- und Fremdbeschreibung gefasst (vgl. Selbstreflexion, Dirk Baecker)

Zu unterscheiden sind: 1. die sensorischen Differenzen, die die Voraussetzung für Wahrnehmung bilden, 2. die objektkonstruktive Unterscheidung zwischen Objekt und Nicht-Objekt und 3. binäre Sinnunterscheidungen wie beispielsweise Gut/Böse, Wahr/Unwahr, Recht/Unrecht.

Während die Konstruktion von „Dingen“ auf Beobachtungen basiert, die das Etwas (das „Ding“) von allem anderen unterscheiden, konstruiert sich Identität aus der Unterscheidung zwischen sich selbst und der Umwelt, kann aber erst durch Anerkennung, also der Beobachtung des Beobachtet-Werdens, zum Selbstbewusstsein werden.

Die Symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien bezeichnen in der Systemtheorie Niklas Luhmann die Einheit der Differenz mit deren Hilfe anschlussfähige Kommunikation wahrscheinlich wird. Die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien können deshalb immer als Differenz formuliert werden. So stellt die Einheit der Differenz von Gut und Böse die Unterscheidung für moralische, die Unterscheidung zwischen wahr und falsch für wissenschaftliche und die Unterscheidung von Recht und Unrecht für rechtliche Urteile bereit.

Allerdings kann es auch Beobachtungsdifferenzen geben, die nicht auf den Begriff gebracht werden können. Hierzu gehören insbesondere alle asymetrischen Unterscheidungen, von denen nicht stabil zwischen den beiden Seiten der Unterscheidung gewechselt werden kann. Zu unterscheiden sind binäre Formen (bespielsweise des Sinns), etwa gut/böse oder auch Mann/Frau etc. von asymetischen geschlossene Formen (beispielsweise des Begriffs), etwa Kuh/Nicht-Kuh.

research/glossary/einheit_der_differenz.txt · Last modified: 2006/06/26 10:48
 
 
 
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