Archiv

Archiv meint ursprünglich das Amtsgebäude von gr.archeion, zu árchein regieren, herrschen. Das Archiv ist im klassischen Verständnis ein Herrschaftsinstrument, ein Aufbewahrungsort für öffentliche Urkunden und Dokumente. Diesem klassischem Archivbegriff entsprechen heute die Archive des Rechtssystems und die Archive der Geheimdienste. Foucault dagegen versteht unter einem Archiv das historische Apriori, das, was zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gesellschaft sagbar ist1).

Umgangssprachlich wurde archivieren mit sammeln gleichgesetzt und folglich jede Form der Sammlung Archiv genannt. Diesen umgangsprachlichen Begriff nimmt Boris Groys in seinem Buch “Über das Neue”2) auf. Abweichend vom wissenschaftlichen Archivbegriff entwickelt Boris Groys hier eine (speicher)ökonomische Kunsttheorie, in der er aus den Gesetzmäßigkeiten der Sammlung und unter Verzicht auf jegliche Ontologie Kunst aus dem “Archiv” erklären kann3).

Ein generatives Archiv ist zunächst ein Oxymoron. Es meint die mehr oder weniger offene und mehr oder weniger freie Gestaltung eines Ortes des Sammelns bestimmter, vorher definierter Daten. Die Ordnung eines generativen Archives besteht in den operativen Regeln des Einlagerns. Werden diese Regeln in einem Online-Archiv diskursiv verhandelt, sprechen wir von 2nd Order Social Software.

Der medienarchäologische Begriff des Archivs

Der Archivbegriff der Medienarchäologie fällt nicht mit dem Boris Groys' und dem allgemeinen Sprachgebrauch zusammen, wo “Archiv” einfach nur die „Summe aller Texte, die eine Kultur als Dokumente ihrer eigenen Vergangenheit oder als Zeugnis ihrer beibehaltenen Identität bewahrt hat” heißt4), sondern Archiv meint medienarchäologisch einerseits das rechtsverbindliche Gedächtnis des Staates und andererseits Foucaults systemisches, ort- und trägerloses “Gesetz dessen, was gesagt werden kann”, also ein historisches Apriori, von dem das mediale Apriori ein Teil ist. Damit fallen die Medien selbst unter den Archivbegriff Foucaults.

Wolfgang Ernst

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Was ist ein Archiv?
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Wie unterscheiden sich Archive von Sammlungen?
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Was ist der Unterschied zwischen einem Archiv und einer Erzählung?
(5 min, 5 MB) (5 min, 14 MB)

1) Foucault 73, Archäologie des Wissens, Frankfurt am Main 1973, p.187
2) Über das Neue. Versuch einer Kulturökonomie, München 1992.
3) Heute versucht sich Groys mit etwas abwegigen Spekulationen zu profilieren.: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/18/18194/1.html
4) was Foucault ausdrücklich nicht meint, Foucault 73, p.187
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