Hyperstrukturen

Multiauktorialität in digitalen audio-visuellen Medien

1. Allgemeine Bedeutung, Rahmen der Untersuchung, Arbeitshypothese

Wir befinden uns an einer Schwelle: Alle Medien der Neuzeit (Buchdruck, Radio, Fernsehen etc.) konvergieren teilweise oder ganz mit dem Computer. Diese Konvergenz, die sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren vollziehen wird, wird nicht nur unser Leben und Denken, sondern insbesondere auch alle kulturelle Produktion tiefgreifend verändern. Die universelle Medienkonvergenz wird eine Formatdifferenzierung hervorrufen. Waren einst die Formate durch technische Medien reguliert und begrenzt, verknüpft mit einem Netzwerk aus Kulturtechniken und Institutionen, so liegt nun das Regulativ in den Formaten selbst, d.h. in den Konventionen des Mediengebrauchs, der sozialen Rezeptionsakzeptanzen und -kompetenzen, den entsprechenden Distributionsnetzen und den mit ihnen verknüpften Ökonomien.

2. Traumfabriken, Zelluloid, & Kinematographie

Der Film, der eigentlich als Messmedium entstanden war, gewann früh seine Form in einem ökonomisch regulierten Netzwerk von Studios, Verleih, Kinos und Presse. Das Medium Zelluloid und der Medienverbund, den der Tonprojektor darstellt, wurde zwar teilweise in künstlerischen Experimenten nach ungewöhnlichen Ausdrucksformen erkundet, Film aber - in seiner gesellschaftlichen Erscheinung - war Kino und Kinofilm. Aufgrund der extrem hohen Kosten der Filmproduktion und -distribution entstanden kaum unterschiedliche Formate, wie etwa im Radio oder im Printbereich. Die einzige Formatunterscheidung bezog sich auf die Art des behandelten Stoffs, auf die Unterscheidung zwischen Spiel- und Dokumentarfilmen. Gerade die Genre-Differenzierung zeigt, dass keine tatsächlichen Formatunterschiede vorliegen, da auch unterschiedliche Genres ähnliche Dramaturgien und Längen bevorzugen. Kein Medium wurde in seiner gesellschaftlichen Anwendung von den ökonomischen Zwängen enger geführt als der Film. Nicht nur, dass der Ort der Vorführung sich auf Lichttheater beschränkt, dass Filme eine bestimmte Länge und Dramaturgie haben und ihre Geschichte in einer mehr oder weniger festgelegten Weise erzählen, sondern auch die Produktion wurde weitgehend ritualisiert. Nationale Unterschiede ergeben sich aus den nationalen Filmförderungsrichtlinien. Auch das Fernsehen hat, obwohl es eigene Formate - insbesondere das Nachrichtenformat und Serien - hervorgebracht hat, wenig an dem Format Film geändert. Filme wurden fortan sowohl für das Kino als auch für das Fernsehen produziert. Eigenständige Formate, die insbesonders TV als live Übertragungsmedium nutzten, entwickelten sich nur spärlich.

3. Thesen zu Distribution

Stärker noch als bisher wird die Distribution die Produktion und nicht umgekehrt die Produktion die Distribution bestimmen. Die Kosten der Produktion werden immer weiter fallen, die Kosten der Distribution im Verhältnis dazu immer weiter steigen. Gleichzeitig ergeben sich aber - insbesondere im Internet - andere Ökonomien der Prominenz (Bespiel: Blair Wich Project http://www.blairwitch.com). Die Unterscheidung von TV und Kino wird verwischen und es werden sich unterschiedliche Formen der Distribution ergeben. Screens in sehr unterschiedlicher Größe werden mit Streams mit unterschiedlichen Inhalten bespielt werden. Neben dem individuellen und privaten TV-Konsum und der Großbildleinwand, werden sehr unterschiedliche Formen und Zwischengrößen an öffentlichen und halböffentlichen Orten entstehen. Im Prinzip kann jede Leinwand von jedem Datenstrom live oder nicht-live bespielt werden. Es wäre möglich, dass digitale Kinos, wenn die nötigen Breitbandkabel erst einmal verlegt sind, ihre Programme täglich mit den Besuchern abstimmen: Gibt es genug Interessenten für einen Film, wird der Film gezeigt. Rechte-Abrechnungsmodelle werden sich dann an den Besucherzahlen orientieren müssen. Das Nadelöhr des Verleihs und die Problematik der Anzahl von Startkopien wird sich damit erledigen und an ihre Stelle wird die Eigendynamik von Hypes treten, an denen das Internet maßgeblich beteiligt sein wird.

keshma_case/neuemethode/hyperstrukturen.txt · Last modified: 2006/07/05 20:02 by 84.190.161.156
 
 
 
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