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Titel: Musikwissenschaftliche Medientheorie
Zusammenfassung: Das Forschungsprojekt Musikwissenschaftliche Medientheorie widmet sich der Geistes- und Naturwissenschaften verbindenden Schlüsselfrage „Was ist ein Medium?“ und zielt auf eine theoretische Grundlegung einer medienwissenschaftlich pertinenten Beschreibung von Musik ab. Dabei soll die etablierte Zergliederung in die Forschungsschwerpunkte „Musik und Technik“ (mit den Spezialgebieten elektroakustischer Musik, Musik und Computer, Popelektronik, Studioproduktion, Übertragungstechnologien, Reproduktionsmedien), Sounddesign, mediale Musikdidaktik terminologisch überwunden werden, um Bausteine für eine spartenübergreifende medienkritische Medientheorie als Bestandteil einer integralen Kunsttheorie zu liefern. Während sich infolge der Dominanz einer poststrukturalistischen text- bzw. bildfokussierten Orientierung der medientheoretische Diskurs kaum von der medial vielseitigen Situation der Musik inspirieren ließ, soll nun Musik zum Ausgangspunkt der Medientheorie werden. Die Vielseitigkeit des soziokulturellen Umgangs mit Musik zeigt, dass sowohl in der produktiven als auch in der rezeptive Musikpraxis Klang durch kulturtechnische Medien wie Notenschrift, Texte, Bilder und/oder instrumentelle Medien wie Musikinstrumente, analoge und digitale Technik, Speicher- und Übertragungstechnologien u.a.m vermittelt ist. Musik existiert nicht nur als Klang. Daraus resultiert eine pragmatische Perspektive der Forschung: Was lässt Musik durch wessen Zugriff wie entstehen? Das Forschungsprojekt möchte also zur Erweiterung einer exklusiv auf die Werkbetrachtung reduzierten Musikbetrachtung anregen. Damit steht eine musikwissenschaftliche Medientheorie deutlich in der Tradition Systematischer Musikwissenschaft und integriert die dort bereits angestellten, aber bislang unvermittelt nebeneinander existierenden medienbezogenen Betrachtungen. Auf der anderen Seite bietet die musikwissenschaftlichen Medientheorie eine pragmatische Alternative zu den Cultural Studies, deren Fokussierung auf kulturelle Praktiken es offenbar notwendig erscheinen lässt, strukturelle Musikanalysen zu vermeiden. Werkanalyse, insbesondere in der Art, wie sie die Skizzenforschung der Historischen Musikwissenschaft traditionell betreibt, ist eine im Kern medienkritische Arbeit, deren Erkenntnisse einzubeziehen sind. Musikanalysen selbst sind gewinnbringende Objekte für die Erforschung der facettenreichen medialen Präsenz von Musik. Die zugrunde liegende Hypothese ist, dass Musik immer schon ein intermediales Phänomen ist. Klang ist flüchtig. Gegenüber Farbe oder Schrift haftet Klang nicht als langwährende Eigenschaft am Objekt und kann so selbst nie Objektstatus annehmen. Klang ist das wahrnehmbare Resultat einer temporären Eigenschaft eines Objekts, seiner Bewegung. Seine Wahrnehmbarkeit verdankt Klang der Vermittlung durch ein Schwingungsmedium (z.B. Luft). Klang muss also stets neu produziert werden. Nicht ein bloßer Kunstgriff der Didaktik, sondern das klangliche Wesen der Musik selbst zeichnet verantwortlich dafür, dass die substanzielle Beschäftigung mit Musik sich in der immer neu wiederholten Produktion derselben und in einer differenzierenden, kontextualisierenden, evaluierenden Reflexion dieser Produktion verwirklicht. Die explorative und kreative Leistungskraft dieser Produktionsvorgänge, die stets an bestimmte Praktiken, Medien und Kulturtechniken gebunden sind, ist zu Tage zu fördern, indem Zusammenhänge zwischen Hörbarkeit und Handhabbarkeit in musikalischen Praktiken untersucht werden. Dabei baut das Forschungsprojekt zwar auf die in der Debatte über Medien gewonnenen Ergebnisse auf und generiert mit vermittelndem Interesse ein gleichsam solides wie anpassungsfähiges terminologisches System, das einem technikzentrierten Medienbegriff ebenso wie einem performativ orientierten Medienkonzept gerecht wird. In den Einzelstudien, die das Forschungsprojekt zusammenfasst, artikuliert sich die notwendige interdisziplinäre Verflechtung zwischen musikwissenschaftlichen, medienwissenschaftlicher, soziologischen, psychologischen und neurophysiologischen Untersuchungsansätzen. Die musikwissenschaftliche Medientheorie begreift in ihrer pragmatischen Ausrichtung die Aspekte einer medialen Praxis im Sinne einer medientheoretisch reflektierten Musikvermittlung mit ein.
Stand der Forschung: Das Thema „Musik und Medien“ ist im musikologischen Diskurs etabliert als „Musik plus Medien“; gemeint sind die Speicher-, Übertragungs-, Produktionstechnologien, die im wesentlichen die gesellschaftliche Distribution von Musik via Massenmedien und Tonträgern ermöglichen, mithin eine technologische wie soziologische Themenstellung (Publ. ...). Die Erfolgsgeschichte der elektroakustischen Musik von ihren avantgardistischen Anfängen in der Enklave vereinzelter Rundfunkstudios bis zur breitbandigen Nutzung von Elektronik im heutigen Popmusikbereich hat es darüber hinaus notwendig gemacht, die Rolle von Medien im Prozess der Komposition und Realisierung von Musik wissenschaftlich zu reflektieren (Publ. ...). Im Zuge der Diskussion um das Verhältnis von Technik und Ästhetik integrierten sich mehr und mehr nicht elektroakustische Gegebenheiten des Technischen: Auch herkömmliche Musikinstrumente stellen als Technik der Klangerzeugung der musikalischen Ästhetik Bedingungen, Grenzen und Optionen. Die medienwissenschaftliche Forschung hat mit einem sinnvollen Rückgriff den anthropologischen Terminus der Kulturtechnik in ein Forschungsfeld überführt, das die operativen Zusammenhänge zwischen Schriften, Zahlen, Bildern und den durch diese organisierten Gestaltungsbereiche in Kunst und jenseits von Kunst untersucht (Publ. ...). Dieser Ansatz beginnt, auch Musikwissenschaftler zu inspirieren, ästhetische Konzeptionen nicht nur in ihrem Zusammenspiel mit Techniken der Klangerzeugung, sondern auch mit Techniken des Aufschreibens, Bearbeitens, Symbolisierens zu thematisieren; ein weites Forschungsfeld ist dabei durch die vielseitige Verwendung von Programmiersprachen gegeben (Publ. ...). Die Gewichtsverlagerung vom Paradigma des Technischen hin zu dem des Operativen als einer pragmatischen Kategorie des „Umgehens mit...“ verleiht insbesondere der Computermusikforschung mittlerweile einen neuen Tiefgang. Arbeiten zum Computer als Universalmaschine und etwa zur Problematik der Interfaces in der live-elektronischer Musikpraxis demonstrieren (Publ. ...), dass der Begriff des Mediums sich nicht mehr auf das Gesamt einer Maschine begrenzen lässt, sondern maschinelle Prozesse viele mediale Stufen und Übersetzung aufweisen. Dabei lässt sich unter anderem das Sender-Empfängermodell für die Beschreibung von Interaktionen zwischen Arbeitsbereichen der Maschine und zwischen Mensch und Maschine nicht mehr aufrechterhalten. Diese Fragestellungen erfordern die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Technologieexperten wie Informatikern, Musikwissenschaftlern, Kommunikationswissenschaftlern, Techniksoziologen und Medientheoretikern. Die Auffassung des „Musik plus Medien“ ist im Zuge dieser Forschungen einem tiefergründigen Hinterfragen der medialen Bedingungen des Musikalischen gewichen. Dieser Weg ist fortzusetzen und auf einer theoretischen Ebene zu manifestieren. Von der Zusammenarbeit mit den aktuellen Forschungen zur Dimension des Performativen, der Klangforschung an der Universität Halle und den experimentellen Forschungen zu neuen, mediengerechten Formaten der künstlerischen und wissenschaftlichen Praxis ist dabei ein besonderer Zugewinn zu erwarten.
Eigene Vorarbeiten:
Elena Ungeheuer erarbeitet die Grundlagen einer musikwissenschaftlichen Medientheorie seit langem in folgenden Themenfeldern: - Ausloten des Verhältnisses von Technik und Ästhetik in der elektroakustischen Musik (Publ. ...) - Aneigung von Musik im medienästhetischen Fokus (Publ. ...) - Operationalisierung von musikalischen Grundfragen im Kontext multimedialer Lernsoftware (Publ. ...) - Grundlegung einer ästhetischen Handlungstheorie (Publ. ...) - Modell „Musik als Spur“ - Konzeptionierung einer Wissenschaftlichen Kulturpraxis
Elena Ungeheuer ist am Aufbau eines Forschungskollegs zur Schriftbildlichkeit beteiligt (Ltg. Sybille Krämer), gibt das Handbuch „Musik und Medien“ heraus (gemeinsam mit Rolf Großmann, Gesellschaft für Musikforschung, in Arbeit) und veranstaltet medienorientierte Module an der TU Berlin („Wissenschaftliche Kulturpraxis“, „Medienästhetik“). Ziele und Arbeitsprogramm:
Das Forschungsprojekt widmet sich anhand von Musik einer Grundlagenproblematik der Geisteswissenschaften: das ‚Medium’ in dem erweiterten Sinne aller Formen von ‚Vermittlung’, die nicht nur im kommunikativen Prozess, sondern auch in kreativen, rezeptiven, performativen, interpretativen, inszenierenden, wissenschaftlichen und didaktischen Vorgängen elementar sind, etliche Übersetzungsbrüche mit sich bringen und für die Forschung ein Bindeglied darstellen zwischen Geistes-, Natur- und Sozialwissenschaften. Gerade in der direkten Gegenüberstellung des produktiven und des rezeptiven Umgangs mit Medien, relativiert sich das die Geschichte der Nachrichtentechnik verabsolutierende Missverständnis, ein Medium sei lediglich ein Instrument der Informationsübertragung. In Absetzung zu einem technikzentrierten Medienverständnis, möchte das Projekt Musikwissenschaftliche Medientheorie ein Forschungsfeld über musikspezifische Medien profilieren, welches die generativen und operativen Potenziale von Medien mit ihren informationscodierenden Funktionen in Beziehung setzt. Die angestrebte Flexibilisierung des Medienbegriffs für ästhetische Kontexte führt zu drei Forschungszielen: 1. Eine Medientheorie ist zu formulieren, die den medial vielseitigen Bedingungen von Musik gerecht wird und sich auf bestehende medientheoretischen Termini bezieht. 2. Auf der Grundlage dieser Medientheorie werden Ansätze der Werkanalyse entwickelt, die die Werkstruktur nicht von den Vermittlungsvorgängen getrennt betrachtet. 3. Aus der musikwissenschaftliche Medientheorie ist eine Theorie zur Praxis der Musikvermittlung abzuleiten, die didaktische und produktive Vorgänge in Beziehung setzt und das Thema der Formate, seien sie wissenschaftlicher, künstlerischer oder pädagogischer Art, in den Mittelpunkt rückt.
Aus den Unterpunkten zu den drei genannten Forschungszielen resultiert das Arbeitsprogramm des Projekts Musikwissenschaftliche Medientheorie:
Ad 1) „Formulierung einer musikwissenschaftlichen Medientheorie“ Resultierendes Format: Arbeitspapier zur musikwissenschaftlichen Medientheorie, Wiki als dynamisches, offenes System mit einschlägigen Diskussionspartnern, Symposia Arbeitsschritte: - Forschungshypothese bestätigen: Intermedialität von Musik (Musikwissenschaft, Neurowissenschaft Studie) - Medientheoretischen Diskurs auf Positionen zu Musik und auf möglichen gemeinsamen Medienbegriff prüfen (Eingangs-, Mittel-, Endsymposium); verstärkte Zusammenarbeit mit dem SFB der Kulturen des Performativen und mit Halle - Erarbeitung einer ästhetischen Handlungstheorie (gem. mit Techniksoziologie) - Formulierung der musikwissenschaftlichen Medientheorie in einem Arbeitspapier als Grundlage für die in Phase 2 und 3 folgenden Applikationen - Matthias Vogel
Ad 2) „Applikation der musikwissenschaftlichen Medientheorie als Analyseinstrument“ Resultierendes Format: Analysemodell und Einzelanalysen, gemeinsame Publikation (Buch) Arbeitsschritte: - Erarbeitung eines Analysemodells (gem.mit Christa und mit Kommunikationswissenschaft) - Immersion (Johannes) - Sozialproblematische Medienkunst (Sarah) - Das Medium Körper (Marco) - Das Sonische (Carlé, Schulze, Papenburg) - Das Lebendige (Ilka)
Ad 3) „ Formulierung einer Theorie zur Praxis der Musikvermittlung“ Resultierendes Format: Arbeitspapier einer Theorie zur Praxis der Musikvermittlung, praktische Projekte, Evaluationen der Projekte hinsichtlich ihres Erfolgs Arbeitsschritte: - Formatforschung (Till) Ziel ist es, insbesondere die Diskontinuitäten und Brüche zu beschreiben, die zu den kulturtechnischen Transformationen führen und geführt haben. Hierbei wollen wir weder einseitig medienmaterialistisch noch kultur-konventionell argumentieren, sondern gerade die Wechselwirkung von Technik und kultureller Konvention betrachten. Ein sich hier abzeichnender Zentralbegriff, der sowohl die Materialität als Basis der Kulturtechnik als auch die ökonomische und kulturkonventionelle Dimension umfasst, ist das Format. Als Format bezeichnen wir die konventionelle Rahmung, in der Signale als Zeichen lesbar und erst damit zu einer interpretierbaren Erfahrung werden. Die Schlüssigkeit der Erfahrung, die in der Kognition synthetisierte Einheit, bezeichnen wir als Gestalt. Die Gestalt interpretieren wir also nicht werkimmanent, sondern kognitiv. Zu ihrer Bildung bedarf es neben den akustischen Signalketten, in denen ein Werk - beispielsweise in Aufführungen - in Erscheinung tritt, einer Formatkompetenz. Die Formatkompetenz, gleichgültig, ob sie sich einer Aufführungspraxis, einer musikalischen Erziehung oder analytisch-wissenschaftlichen Studien verdankt, geht über rein klangliche Phänomen hinaus. Das Verständnis der Musik unter dem Paradigma der Kommunikation bezieht somit nicht klangliche Phänomene - auch und insbesondere unter dem kulturtechnischen Aspekt - mit ein. Allerdings soll es nicht um erschöpfende Beschreibungen von musikbegleitenden und kontextualisierenden, kulturtechnischen Praktiken gehen (Architektur von Konzerthäusern, Programmheften, Infrastruktur und ökonomische Grundlagen musikalischer Erziehung, institutionelle Grundlagen der Musikwissenschaft und ihrer wissenschaftlichen Formate etc.), sondern das Augenmerk soll insbesondere auf die Transformation dieser kulturtechnischen Praktiken unter den Bedingungen der vernetzten Rechner und der elektronischen Verarbeitung von musikrelevanten Daten gelegt werden. Die Betrachtung der Codierung, Speicherung, Bearbeitung und Übertragung musikrelevanter Daten bezieht somit auch nicht rein klangliche Phänomene unter kulturtechnischer Perspektive mit ein. - Modul Wissenschaftliche Kulturpraxis - BKS-Projekt Vermittlung Neue Musik - Brandstätter? - Kommunikative Erfolgsfaktoren (Markus Dobler)