Mediologie, Normalismus und Latenz

Lutz Ellrich / Sabine Müller

Wie in der Medientheorie insgesamt, so spielt auch in der Mediologie die Differenz von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit eine wichtige Rolle. Debray begreift freilich nicht die Medialität selbst als das sich Entziehende, sondern „bestimmte soziale Beziehung(en)“, die „jeder Kommunikationsträger entstehen lässt“ und zugleich „verbirgt.“ Erst eine interdisziplinäre Analyse, die herkömmliche Bahnen verlässt, könne das Verborgene enthüllen und die Treibsätze der Geschichte und die Basisstrukturen der Kultur ans Licht ziehen. Debray bewahrt damit die Vorstellung ‚wirksamer’ Ideen, die – wenn auch nur im Verbund mit kommunikationstechnischen Produktivkräften und spezifischen Organisationsformen – die gesellschaftlichen Verhältnisse prägen und an kairologischen Schnittpunkten ‚zum Tanzen bringen’: Die drei Komponenten der Übermittlung – Symbole, Institutionen, Apparate – können sich zu Ereignissen verdichten, die als Auslöser sozialer Umbrüche fungieren. Erinnern wir uns: Im Pariser Mai ’68 erfährt der gefangene Guerillero Debray, wie die Massenmedien zum ersten Mal per TV-Direktübertragung Geschichte machen. Die Ereignisse werden durch die Medien direkt in die politischen Prozesse eingespeist und für die aktuelle Praxis genutzt, ehe sie zu Spektakeln gerinnen und im Anschein von Visibilität dem Blick des Zuschauers das Entscheidende entziehen. Die Echtzeit-Rückkopplung des Geschehens an alle potenziellen Akteure führt Kommunikation und Transmission zusammen und entbindet emanzipatorische Kräfte. – Ist eine solche Sicht heute noch attraktiv? Die politisch zündenden Ideen und die Konfrontationen der widerstreitenden Klassen auf den Straßen haben sich nach 1968 scheinbar endgültig in Bedürfnisse nach alltäglicher Orientierung und eine ebenso eifrige wie vielfältige Medienrezeption verwandelt. Genau diese Transformation versucht die Normalismustheorie zu erfassen: Sie konzipiert Medien als Instanzen, die die unübersichtlich gewordene Gesellschaft der Spätmoderne in eine Datenlandschaft übersetzen, in der sich die Individuen als Akteure bewegen, welche ihre ‚motivlose’ Wahlfreiheit genießen. Wie lässt sich nun diese merkwürdige Leere einer normfreien oder gar ‚ideenfreien’ Optionskompetenz mediologisch interpretieren? Erweisen sich Mediologie und Normalismustheorie angesichts von Individuen, die auf der Basis medialer Rückkoppelungen agieren, als kompatible Ansätze oder als akademische Konkurrenzmodelle? Unter Bezug auf das vermeintlich binäre Verhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit soll der Vortrag abschließend einer gemeinsamen Prämisse beider Konzepte nachspüren. Im Kontext einer kleinen Geschichte der Metamorphosen des Unsichtbaren bzw. der ‚Erscheinungsformen’ von Latenz ist an demokratietheoretische Interpretationen der „Leere“ (Lefort) zu erinnern, die auch für Debrays Analyse der „zwei Körper des Mediums“ relevant sein könnten.

keshma_case/mediologie/mediologie_latenz_und_normalismus.txt · Last modified: 2007/05/21 18:36 by 84.190.172.197
 
 
 
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